Deutscher Gehrlosen-Bund e.V.
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Stellungnahme zum Entwurf eines Gesetzes fr bessere und unabhngigere Prfungen (MDK-Reformgesetz) BT-Drs. 19/13397 und zur ffentlichen Anhrung zur Reform des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) am 14.10.2019

10. Oktober 2019

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e. V. vertritt die Interessen der deutschen gehörlosen und hörbehinderten Gebärdensprachnutzer/-innen. Zu diesen gehört neben den rund 83.000 Gehörlosen auch ein sehr großer und zunehmender Anteil von Hörbehinderten mit Hörrestigkeit und CI-Trägern, deren akustisches Verstehen trotz technischer Hilfen kaum dem entspricht, was Hörende als selbstverständlich empfinden. Diese Betroffenen sind zur Kommunikation mit Hörenden auf den Einsatz von Gebärdensprachdolmetscher/-innen angewiesen.

In der ärztlich-medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung bevorzugen Gehörlose, wie Hörende auch, die direkte und ungefilterte Kommunikation mit den Behandler/-innen und dem Behandlungsteam. Die hierfür notwendige Gebärdensprachkompetenz des Personals ist in Deutschland bei nur sehr wenigen Diagnostik- und Behandlungsangeboten gegeben. So gibt es einzelne ambulant tätige Psychotherapeut/-innen und im stationären Krankenhausbereich neben einzelnen rehabilitativ ausgerichteten Kliniken zwei psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungszentren in Erlangen und Lengerich.

In Anbetracht dieses sehr geringen Angebots für Gehörlose sind sie in nahezu der gesamten ambulanten und stationären somatischen Versorgung, sowie in einem Großteil der ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen und einem kleineren Anteil der stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung auf Gebärdensprachdolmetscher/-innen angewiesen. Mittlerweile hat sich die Möglichkeit, im gesamten ambulanten Bereich Gebärdensprachdolmetscherhilfe mit unkomplizierter, direkter Kostenübernahme durch die Krankenkassen zu erhalten, als sehr effektiv und praktikabel erwiesen. Hierdurch erfahren Gehörlose mittlerweile eine ambulante Gesundheitsversorgung, die mit der von Hörenden vergleichbar ist. Dies hat den Rückmeldungen der Gehörlosen und unseren Beobachtungen zufolge den Gesundheitszustand der Gehörlosen in den zurückliegenden Jahren deutlich verbessert.

Demgegenüber bestehen jedoch im stationären Bereich – und hier vor allem im somatischen Bereich - immer noch erhebliche und untragbare Versorgungslücken für gehörlose Patient/-innen! Zwar ist im Rahmen der Kostenkalkulation mit dem Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS) über die Fallpauschalen theoretisch die Inanspruchnahme von Gebärdensprachdolmetscher/-innen bei stationärer Leistungserbringung berücksichtigt, in der Praxis ist dies jedoch kaum umzusetzen: Immer wieder müssen Betroffene im Krankenhaus über diese Regelungen sowie die Bedeutung und ihren Bedarf an Gebärdensprachdolmetscher/-innen informieren, dies rechtfertigen und regelrechte Kämpfe gegen Unverständnis und Untätigkeit austragen. Oftmals ist dies so nervenaufreibend, dass die Betroffenen vorzeitig aufgeben oder bereits ohne ausreichende Informationen zur Diagnose und notwendigen Behandlung aus der stationären Behandlung entlassen sind, bevor sich die Klinik zum Einsatz von Dolmetscher/-innen durchringt. So sehen wir immer wieder unzureichend informierte gehörlose Patient/-innen, die notwendigen Behandlungen unverschuldet nicht wahrnehmen und infolge dieser Hilf- und Kommunikationslosigkeit die so notwendigen Kontakte zum Gesundheitswesen vermeiden. Auch sind Fälle bekannt geworden, bei denen Kliniken betroffene Gehörlose gerade deshalb, weil Dolmetscher/-innen erforderlich waren, zur elektiven Behandlung an andere Kliniken verwiesen haben. Selbst wenn die Rechtslage eindeutig ist, ist es im stationären somatischen Bereich für die zusätzlich durch Erkrankungen gehandicapten Gehörlosen nahezu unmöglich, ihre Rechte einzufordern und durchzusetzen.

In Anbetracht dieser untragbaren, z. T. unmenschlichen Situationen begrüßt es der Deutsche Gehörlosen-Bund ausdrücklich, dass mit dem Entwurf des Gesetzes für bessere und unabhängigere Prüfungen (MDK-Reformgesetz) eine diesbezügliche Änderung herbeigeführt werden soll. Demnach sollen laut Artikel 4 (Änderung des Krankenhausentgeltgesetzes) Nummer 1 (§ 2) die „...Leistungen von Gebärdensprachdolmetscherinnen und Gebärdensprachdolmetschern bei der Krankenhausbehandlung von Menschen mit Hörbehinderung (…) nach § 17 Absatz 2 SGB I von den zuständigen Leistungsträgern (finanziert werden) (…), das heißt insbesondere von den Krankenkassen und den Unternehmen der privaten Krankenversicherung.“ In Bezug auf die Ausführungen zum Änderungsantrag 29 der Fraktionen der CDU/CSU und SPD heben wir ergänzend hervor, dass dies für sämtliche stationär-medizinischen Fachbereiche gelten sollte und zwar sowohl für stationäre somatische als auch für psychiatrische, psychotherapeutische und psychosomatische Behandlungen.

Ergänzend wird angemerkt, dass gerade die Bereiche der psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Behandlungen sehr kommunikationsintensiv sind und der besonderen Berücksichtigung der sozialen und kulturellen Hintergründe sowie eines angemessenen Behandlungsmilieus bedürfen, damit effektive Behandlungen durchgeführt werden können. Diese Erfahrung bestätigt auch die Berechtigung der bestehenden gehörlosengerechten Behandlungszentren, die bei entsprechend ausgebildetem Personal die direkte gebärdensprachliche Kommunikation ebenso das notwendige, entsprechende Stationsmilieu anbieten. Finanziert wird die besondere fachliche Qualifikation und Ausstattung zurzeit über einen Aufschlag zu den Tagessätzen, der sich jedoch bislang nicht im künftigen PEPP (Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik) abbildet. Zwei bisher erfolgte und durch den Deutschen Gehörlosen-Bund unterstützte Anträge an das InEK im Rahmen der OPS (Operationen- und Prozedurenschlüssel) für eine Komplexbehandlungsziffer für Gehörlose, um diese von den Krankenkassen bisher anerkannten Behandlungsangebote sicherstellen zu können, fanden bislang keine Resonanz.

Wir erbitten daher dringend Ihre Unterstützung

  • in Bezug auf das MDK-Reformgesetz dabei, dass künftig die Leistungen von Gebärdensprachdolmetscher/-innen bei der Krankenhausbehandlung von Gehörlosen und Menschen mit Hörbehinderung ohne Ausnahme eines medizinischen Fachbereichs von den zuständigen Leistungsträgern finanziert werden.
  • in Bezug auf das neue Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik dabei, dass die Anerkennung einer OPS-Ziffer zur Komplexbehandlung Gehörloser durch das InEK entsprechend den bisher vorliegenden Anträgen erfolgt.
 
Die Stellungnahme 08/2019 in pdf-Datei können Sie herunterladen und gerne weiterleiten.

Vorab-Stellungnahme zur knftig geplanten 7. Versorgungsmedizinischen nderungsverordnung

01. Februar 2019

Bearbeitet von Dr. Ulrike Gotthardt und Lela Finkbeiner (Bereich Gesundheit)

In dieser, derzeit in Entwicklung befindlichen, 7. Änderungsverordnung, steht das Thema „Hören“ im Fokus.

Dazu gibt es bereits jetzt unterschiedliche Vorabinformationen, die sich jedoch noch nicht auf einen konkreten Entwurf zur 7. Änderungsverordnung berufen können.

Ungeachtet dieser derzeit noch unklaren Informationslage ist es dem DGB ein wichtiges Anliegen, zu seinen Grundpositionen bzgl. der Versorgung Gehörloser bzw. Hörbehinderter mit technischen Hilfsmitteln, einschließlich CI, in Verbindung mit dem Grad der Behinderung (GdB) und der Wertmarke Stellung zu beziehen.

GdB in Abhängigkeit von genutzter Technik
Gehörlosigkeit/Taubheit und Hörbehinderung sind bzgl. ihrer Potentiale wie auch ihren Einschränkungen bzgl. der Kommunikationsfähigkeit, der psychosoziale Entwicklung und anderen unterschiedliche Aspekten bei den einzelnen Hörbehinderten nicht vorhersehbar, nicht einfach kategorisierbar und für Außenstehende in ihrer Komplexität kaum beurteilbar.

Betroffene mit Resthörvermögen können heute zwar technisch weiterentwickelte Hörgeräte nutzen, jedoch sich hierbei mit Hörgeräten kein Hören erzielen, wie es Hörende kennen. D.h. die Betroffenen bleiben trotz Hörgeräten stark schwerhörig. Zudem sind sie damit abhängig von einer Technik, auf die man sich selten sicher verlassen kann, die heute komplexer und damit technisch anfälliger und für den Einzelnen kaum noch steuerbar ist. Zudem werden Geräte auf den Markt gebracht oder vom Markt genommen, wie sie den industriellen Interessen und nicht den individuellen Notwendigkeiten des einzelnen Hörbehinderten entsprechen. Oder es können z.B. viele Betroffene die Geräte nicht länger als einige Stunden im Ohr lassen, da es z.B. zu Entzündungen kommt. Somit sind Hörgeräteträger bei technischen Ausfällen oder medizinischen Komplikationen, die teilweise Tage und Wochen betragen können, wie auch bei der notwendigen Herausnahme der Geräte, z.B. nachts, weiterhin genauso taub oder schwerhörig wie ohne die Hilfsmittel.

Genauso liegt die Situation bei gehörlosen/tauben bzw. hörbehinderten Personen mit einer CI-Versorgung. Auch mit diesen Geräten ist oftmals kein durchschlagener Hörerfolg, wie Hörende es kennen, zu erzielen. Die Betroffenen bleiben trotz CI hörbehindert mit einer großen Bandbreite unterschiedlicher akustischer Einschränkungen, die kaum zu kategorisieren sind. Auch CIs sind anfällig mit z.B. tagelangen technischen Ausfällen oder medizinischen Nebenwirkungen, auch werden sie z.B. nachts abgelegt. Dann sind die Betroffenen genauso taub oder schwerhörig wie ohne CI-Versorgung.

Aus der Sicht des DGB ist es daher unabdingbar, dass sich ungeachtet des technischen Fortschritts bei weiter bestehenden Einschränkungen der Geräte selbst, nicht vorhersehbaren Problemen bzw. Nebenwirkungen und Ausfällen der technischen Hilfsmittel, sich die Einstufung des GdB alleine am Ausmaß der primären Hörbehinderung orientieren muss. Ein Abzug des GdB aufgrund einer bestehenden Versorgung mittels Hörhilfen (Hörgerät, CI u.a.) ist abzulehnen. Dies, da Hörhilfen u.a. aufgrund eines nicht erreichbaren Hörvermögens wie es dem Hörender entspricht, wie auch der bestehenden, in ihrem Ausmaß nicht vorhersehbaren und für die Betroffenen nicht steuerbaren, Einschränkungen keinen konstanten und sicheren, dem normalen Hören vergleichbaren Ausgleich der Hörbehinderung bieten können.

Nachteilsausgleich, hier: WERTMARKE
Für gehörlose/taube bzw. hörbehinderte Menschen, die Gebärdensprachnutzer*innen sind, hat der persönlich-kommunikative Austausch mit anderen Gebärdensprachnutzern eine überragende Bedeutung für die Lebensqualität auf allen Ebenen. Nicht nur für sozialen Austausch untereinander, auch für das berufliche und Alltagsleben, einschließlich kultureller Veranstaltungen, wie Treffen und Aktivitäten der Gehörlosenvereine und Gehörlosensportvereine, Gebärdensprachfestivals, Kulturtage etc. müssen und werden weite Wege in Kauf genommen. Hinzu kommt, dass es vermehrt gehörlosengerecht-gebärdensprachliche medizinische (z.B. Praxen von Zahnärzten, Psychotherapeuten, stationäre und ambulante psychiatrische Angebote, Gesundheitstage für Gehörlose, z.B. in Bayern), soziale (EUTB für Gehörlose/Hörbehinderte), wirtschaftliche (z.B. Frisöre) u.a. Angebote gibt. Diese finden sich allerdings weit verstreut und zumeist in Ballungsgebieten, was wiederum für den einzelnen Betroffenen meist weite Anfahrtswege bedeutet.

Ein wichtiger Aspekt, der immer wieder als Gegenargument genutzt wird, ist, dass es ortsnah Gebärdensprachdolmetscher gebe. Zum einen ist deren Zahl immer noch zu gering, so dass es oft lange Wartezeiten für Einsätze gibt. Vor allem aber ermöglicht dieses nicht, das oft gewünschte oder auch primär für notwendig angesehene, z.B. im ärztlich-psychotherapeutischen Setting, 4-Augen-Gespräch. Insofern kann hier argumentativ die Möglichkeit von Gebärdensprachdolmetschern nicht die Vorrangigkeit des direkten Kontakts mit anderen Menschen bzw. Dienstleistern ersetzen.

Moderne Medien, wie Skype, Facebook u.a. können das Leben der modernen Menschen, sowohl der Hörenden wie der Gehörlosen und Hörbehinderten (=Gebärdensprachnutzer*innen), erleichtern. Zudem bleiben aufgrund der oftmals eingeschränkten Lese- und Schreibfähigkeiten schriftliche Medien vielen Gehörlosen und Hörbehinderten damit trotzdem weiterhin verschlossen. Videoübertragungsmöglichkeiten erleichtern Vieles, ersetzen jedoch weder bei Hörenden noch bei den Gehörlosen den zwischenmenschlichen persönlichen Kontakt und Austausch, den Gehörlose gebärdensprachlich in der näheren Umgebung ohnehin nur sehr eingeschränkt finden können.

Aufgrund der o.g. Aspekte sind Gehörlose und Hörbehinderte trotz moderner technischer Weiterentwicklungen weiterhin darauf angewiesen die oft weiten Entfernungen durch ÖPNV oder das eigene Auto zu überwinden. Hinzu kommt, dass Gehörlose und Hörbehinderte öfters arbeitslos sind oder in schlechter bezahlten, z.T. vom Wohnsitz auch weit entfernten, Tätigkeiten unterkommen müssen. Insofern fordert der DGB für alle Gehörlosen und Hörbehinderte mindestens das Fortbestehen der heutigen Kriterien der Zuerkennung der Wertmarke. Eine Einschränkung der Zuerkennungskriterien bis hin zum befürchteten Wegfall der Wertmarke wird erhebliche Konsequenzen mit sich ziehen, deren Ausmaß nach heutigen Erkenntnissen massiv sein werden: emotional-soziale Isolation der betroffenen Gehörlosen und Hörbehinderten, Einschränkungen in Gesundheit und Pflege, wirtschaftliche Verluste, etc.

Die Stellungnahme 01/2019 in pdf-Datei können Sie herunterladen und gerne weiterleiten.

Wir unterstützen die Petition "Teilhabeabbau durch Verschlechterung der Versorgungsmedizin-Verordnung stoppen" (Link hier) und bitten, diese Petition online zu unterschreiben.


Gebrdensprachkompetenz - Barrierefreiheit in der Praxis auch fr gehrlose Patienten

31. Mai 2018

Ob in der Arztpraxis oder im Krankenhaus: Die Verständigung zwischen gehörlosen oder hörgeschädigten Patienten und dem medizinischen Personal macht meistens Probleme. Beherrschen der Arzt oder seine Mitarbeiter zumindest rudimentär die Gebärdensprache, wird es leichter.

Wer einen Arzttermin braucht, greift zum Hörer und ruft bei einer Arztpraxis an. Für Gehörlose wie Lela Finkbeiner gestaltet sich das schwieriger. Um einen Termin zu bekommen, schreibt die Berlinerin eine E-Mail. "Antworten auf E-Mail-Anfragen lassen leider meistens auf sich warten", schildert die 44-jährige Sozialpädagogin ihre Erfahrungen. Nicht selten bekäme sie eine Rückmeldung erst auf Nachfrage. Komme es zum Termin, warte die nächste Hürde an der Rezeption: Die Medizinischen Fachangestellten (MFA) wüssten in der Regel nicht, wie sie mit einem gehörlosen Menschen umgehen sollen.

In Dr. med. Uta Simons Praxis in München ist das anders. Die Allgemeinmedizinerin beherrscht die Gebärdensprache und auch die MFA der Gemeinschaftspraxis sind im Umfang mit Gehörlosen geschult. E-Mail-Anfragen beispielsweise beantworten diese zeitnah. "Terminabsprachen machen wir aber auch per SMS", erklärt die Ärztin. Dafür gäbe es ein eigenes Praxishandy. Außerdem seien die Akten gehörlsoer Patienten markiert, sodass jeder Praxismitarbeiter sofort über den besonderen Betreuungsbedarf im Bilde ist. "Dazu gehört beispielsweise, dass eine gehörloser Patient im Wartezimmer nicht aufgerufen wird, wenn er an der Reihe ist", führt Uta Simons aus. Es werde mindestens Blickkontakt hergestellt, gegebenfalls hingegangen und der Patient abgeholt.

Für die Bedürfnisse Gehörloser wurde Uta Simons während ihrer Krankenhauszeit auf der Geriatrie sensibilisiert. Dort erlebte sie, wie schwer die Verständigung zwischen gehörlosen, hörgeschädigten und schwerhörigen Menschen und dem medizinischen Personal ist. Eines Tages lernte sie im privaten Umfeld erste Zeichen und Begriffe der Gebärdensprache kennen. "Das hat mich angesprochen und ich habe mich für einen Kurs Deutsche Gebärdensprache an der Volkshochschule entschieden", sagt die Münchnerin.

Als sie sich schließlich in eigener Praxis niederließ, kamen auch mehrere der Gehörlosen als Patienten, die sie während des Gebärdensprachkurses kennengelernt hatte. "Niedergelassene Ärzte, die Gebärdensprache beherrschen, sind nach wie vor rar", weiß die Allgemeinmedizinerin. Da Gehörlose gut vernetzt seien und sich untereinander helfen, habe es gewirkt wie ein Magnet: Nach und nach kamen auch gehörlose Partner, Verwandte, Freunde und Bekannte ihrer gehörlosen Patienten in ihre Praxis. Heute sind fast ein Drittel von Uta Simons rund 1.000-köpfigem Patientenstamm Gehörlose.

"Mit meinem Repertoire an Gebärdensprache kann ich mich gut mit Gehörlosen verständigen" erklärt die Ärztin. Die Menge an zentralen Begriffen wie Schmerz oder Rezept, die im Gespräch mit Patienten regelmäßig wiederkehrten, sei überschaubar. "Aber natürlich kann es trotzdem hilfreich sein, wenn der Patient einen Gebärdensprachdolmetscher mitbringt", räumt Uta Simons ein. Die Dolmetscher seien auch für komplexere Arztgespräche geschult und ihren Einsatz übernehmen die Krankenkassen. Dolmetscherkontakte hat sie deshalb in Form von Visitenkarten immer griffbereit und, wo nötig, helfe das Praxisteam den Betroffenen bei der Organisation. Müssen Patienten beispielsweise an einen weiterbehandelnden Facharzt überwiesen werden, werde für einige der gehörlosen Patienten nicht nur der dortige Termin abgesprochen, sondern zum Termin auch der Gebärdensprachdolmetscher mitorganisiert.

Missverständisse vermeiden

Auch der gehörlose Thomas Zander versucht Verständigungsprobleme bei Arztterminen zu minimieren, indem er einen Gebärdensprachdolmetscher organisiert. "Wenn mir das aber wieder einmal nicht gelingt, weil Dolmetscher gefragt und oft ausgebucht sind, versuche ich es an der Rezeption und im Behandlungszimmer mit Aufschreiben", schildert er. Bei Routineuntersuchungen würde das einigermaßen klappen. "Aber wenn es komplizierter wird, reicht Aufschreiben nicht aus", ist die Erfahrung des Autors und Moderators für Gehörlosensendungen.

In Deutschland leben derzeit rund 80.000 gehörlose Menschen, dazu ein Vielfaches an Hörgeschädigten, Tendenz steigend. "Und viele Gehörlose sind schon erleichtert, wenn in ihrer Arztpraxis oder ihrem Krankenhaus wenigstens Grundzüge der Gebärdensprache beherrscht werden", weiß Ulrike Gotthardt, Präsidiumsmitglied des Deutschen Gehörlosen-Bundes. Das gelte auch für Patienten mit Cochlea Implantat (CI), denn dass diese normal hören und ohne Mühe in normales Gespräch verstehen könnten, sei ein verbreiteter Irrglaube. "Oft ist Gebrädensprache auch für CI-Träger eine wichtige Unterstützung", weiß die Psychiaterin.

Gebärdensprache, das sei für viele Menschen wie für Rollstuhlfahrer die Rampe: Wichtiger Teil des barrierefreien Zugangs zur medizinischen Versorgung. Und je kompetenter der Arzt darin ist, desto besser. "Medizinern entgeht häufig, dass Angehörige, die zum Arztbesuch zum Dolmetschen mitgebracht werden, selten angemessen übersetzen", berichten Gothardt Betroffene. Da auch später zu Hause meistens nicht ausreichend vermitteln werden könne, was der Arzt gesagt hat, käme es bei den Patienten oft zu erheblichen Missverständnissen in Bezug auf die Diagnose, die Einnahme von Medikamenten oder die Empfehlungen des Arztes.

Gotthardt hofft, dass mit der Zeit mehr Ärzte Gebärdensprache beherrschen werden. Zuversichtlich stimme, dass Gebärdensprache neuerdings an manchen Hochschulen wie der Uni München gleich im Medizinstudium vermittelt werde. "Und auch, dass nach und nach mehr niedergelassene Ärzte gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und eine weitestgehend barrierefreie Praxis bieten wollen", beobachtet Gotthardt. Und dazu würde heute auch Gebärdensprachkompetenz gehören. In Metropolen wie München (etwa 900 Gehörlose), Hamburg (etwa 2.300 Gehörlose) oder Berlin (etwa 6.000 Gehörlose) profitieren diese Praxisinhaber im Gegenzug von einem Standortvorteil.

Hilfe auch bei Aphasien

Die Münchner Ärztin Simons profitiert von ihrer Gebärdensprachkompetenz allerdings noch in ganz anderer Hinsicht. "Diese plastische Sprache ermöglicht mir beispielsweise auch die Verständigung mit Patienten, die nach einen Schlaganfall Aphasien haben", erklärt sie. Und selbst mit fremdsprachigen Patienten sei eine sehr hilfreiche Verständigung möglich. Über alle praktischen Vorteile hinaus bereichere ihr Gebärdensprache-Know-how ihre Beziehung zu sämtlichen Patienten. "Das Miteinander wird lebendiger", freut sich Simons - und das mache ihr Berufsleben sehr befriedigend.

Empfehlungen

  • Mitarbeiter für den besonderen Umgang mit gehörlosen Patienten sensibilisieren und wenn möglich schulen
  • Patientenakte mit Hinweis auf Gehörlosigkeit versehen
  • gehörlose Patienten ohne Gebärdensprachdolmetscher darüber informieren, dass die Kasse die Kosten für einen solchen übernimmt; gegebenfalls Unterstützung anbieten (Adressen von Dolmetschern: www.bgsd.de)
  • erfragen, wie der Hörgeschädigte am besten klarkommt und dem im Weiteren folgen
  • normal laut, deutlich und langsam sprechen, damit der Patient zumindest einen Teil des Gesagten von den Lippen ablesen kann (durchschnitlich 30 Prozent)
  • möglichst frontal und in günstigem Lichtverhältnis zum Patienten positionieren, Blickkontakt suchen und halten, auf Signale achten, ob der Patient folgen kann
  • unterstützend schreibend verständigen, dabei auf leichtverständliche Ausdrucksweise achten (möglichst wenig Fremd- oder Fachwörter)
  • sicherstellen, dass der gehörlose Patient im Wartebereich mitbekommt, wenn er an der Reihe ist; wenn möglich Blickkontakt aufnehmen und auffordende Gesten benutzen, alternativ durch Hingehen und Antippen informiren

Für Ärzte, die sich ini Gebärdensprache ausbilden lassen, existiert keine finanzielle Förderung. Auch wird für die Behandlung Gehörloser grundsätzlich kein gesondertes oder erhöhtes Honorar gezahlt. Dem erhöhten Betreuungsaufwand lässt sich jedoch über die Chronikerziffer, die Gesprächsziffer zur Klärung psychosomatischer Krankheitszustände Rechnung tragen.
 
Der Autor Andreas Monning hat diesen Artikel vom Deutschen Ärzteblatt 19/2018 in pdf-Datei geschrieben und veröffentlicht.